Der lange Weg aus der Not - Erfahrungen mit dem Gebet
Predigt über Psalm 77,1-16
Liebe Geschwister,
bis ich Trost im Gebet erfahre. Das ist manchmal ein langer, schwerer
Weg. Ein Weg voller innerer Nöte. Aber es ist ein lohnender Weg. Es
lohnt so zu tun, wie es im Kirchenlied heißt: "Von Gott will ich
nicht lassen, denn er läßt nicht von mir." Begleiten wir Asaf
- den Beter dieses Psalmes - auf seinem Weg. Schauen wir, wie gut Gottes
Wort unsere Kämpfe und Nöte kennt. Und wie einer von Gott nicht
läßt - mitten in der Not.
Ich möchte zu jedem Predigtabschnitt die entsprechenden Verse
vorher lesen.
1 EIN PSALM ASAFS, VORZUSINGEN, FÜR JEDUTUN. 2 Ich rufe zu Gott
und schreie um Hilfe, zu Gott rufe ich, und er erhört mich.
1. Meine Gebete gehen weiter als bis zur Zimmerdecke
"Er erhört mich"! In großen Nöten kommt einem der Gedanke
schnell: Ob ich in Wirklichkeit allein bin, wenn ich bete? Oder hat Gott
das Interesse an mir verloren? Und hört mir vielleicht gar nicht zu?
Dieser Abschnitt ist nur kurz - und doch die Voraussetzung für alles
Folgende. Bei aller Not: Wenn da keiner ist, der mich hört.
Dann könnte man sich diese Predigt tatsächlich schenken.
Die Fragen und Nöte sind da: "Ich schreie um Hilfe." Aber Gott
ist in jedem Fall für mich da. "Er erhört mich." Daran wollen
wir festhalten. Das ist der Grund, auf dem unsere Gebete bauen.
3 In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des
Nachts ausgereckt und läßt nicht ab; denn meine Seele will sich
nicht trösten lassen. 4 Ich denke an Gott - und bin betrübt;
ich sinne nach - und mein Herz ist in Ängsten. SELA.
2. Gebet - und doch kein Trost
"Meine Seele will sich nicht trösten lassen." Es gehört zu den
Erfahrungen von vielen Geschwistern, daß man im Gebet nicht immer
gleich Trost erfährt. Ich habe immer ein ungutes Gefühl, wenn
dem Gebet eine Art "automatischer Trost" zugeschrieben wird. "Egal wie
es dir geht - du muß nur loben und preisen und danken. Du darfst
dich nicht herunterziehen lassen. Usw." Selbst von unserem Herrn wissen
wir, wie er im Garten Gethsemane gebetet hat: "Meine Seele ist betrübt
bis an den Tod." Wir sind doch keine Holzklötze und auch keine "geistlichen
Supermänner" - sondern schwache, zerbrechliche Menschen!
Deshalb müssen wir wissen, daß diese Erfahrung - manchmal
- zum Gebet dazu gehört: Ich bete, und ich erfahre zunächst einmal
keinen Trost. Ich bete, und mir kommt dabei kein frohes, dankbares
Wort über die Lippen. Das liegt nicht daran, daß ich etwas falsch
mache oder nicht geistlich genug bin. Es gibt Situationen, wo ich den Trost
zuerst gar nicht in mich aufnehmen kann - einfach, weil die Not so groß
ist.
Was tun in so einer Lage? Ins Gebet fliehen - jetzt gerade! Nicht mit
einer gespielten Freude und einem aufgesetzten Lobpreis. Sondern - hartnäckig!
"Meine Hand ist des Nachts ausgereckt und läßt nicht ab." Jetzt
gerade! Mein Herr wird mich nicht im Stich lassen.
5 Meine Augen hältst du, daß sie wachen müssen; ich
bin so voll Unruhe, daß ich nicht reden kann. 6 Ich gedenke der alten
Zeit, der vergangenen Jahre. 7 Ich denke und sinne des Nachts und rede
mit meinem Herzen, mein Geist muß forschen.
3. Quälende Gedanken
Fast jeder hat so etwas schon einmal erlebt: Die Gedanken gehen mir durch
den Kopf. Ich kann nachts nicht schlafen. Warum hat alles so kommen müssen?
Mußte das sein? Wie wird es jetzt weitergehen? Ich kann nicht einmal
beten: "Ich bin so voll Unruhe, daß ich nicht reden kann." Statt
dessen führe ich quälende Selbstgespräche: " Ich ... rede
mit meinem Herzen, mein Geist muß forschen." Und dann: Dann denke
ich an früher, als es noch besser ging: "Ich gedenke der alten Zeit,
der vergangenen Jahre." Vielleicht denke ich an einen Menschen, den ich
verloren habe. Vielleicht denke ich an die Zeit, als ich noch Arbeit finden
konnte. Und ich denke daran mit Wehmut, vielleicht auch mit Bitterkeit.
Und Gott läßt das alles noch zu: Du hältst meine
Augen, daß sie wachen müssen!
Asaf, unser Psalmbeter hat für diese Erfahrungen kein "Rezept"
und keine schnelle "Lösung". Ich denke: Auch das gehört dazu
- zu meinem Menschsein. Manchmal muß ich einfach lange nachdenken,
wenn mich etwas sehr beschäftigt oder quält. Es gab vor knapp
2000 Jahren im alten Rom Philosophen, die sogenannten "Stoiker" (vielleicht
hat schon einmal jemand den Ausdruck "stoische Ruhe" gehört - wenn
einen rein gar nichts aus der Fassung bringen kann...). Diese Philosophen
waren keine Christen. Sie lehrten: Du mußt dich völlig in der
Gewalt haben. Du mußt anfangen, deine Gedanken zu kontrollieren.
Du darfst nicht einfach das denken, was dir so in den Sinn kommt. Manche
Christen denken das auch: Ich muß in jeder Sekunde auf meine Gedanken
aufpassen, das hilft gegen die vielen Anfechtungen und Nöte, mit denen
ich zu kämpfen habe. In der Bibel steht diese Aufforderung nicht.
Dafür findet sie sich in so manchen christlichen Büchern und
Predigten - fast so, als hätte man direkt von den heidnischen Philosophen
"abgeschaut". Nein, "Gedankenpolizei" - das müssen wir nicht spielen,
auch nicht in der Not. Wenn sie mich quälen, die Gedanken.
Nur eines muß ich mir klarmachen: Hineinsteigern sollte ich mich
nicht, in das Grübeln. Es ist wichtig, vom Selbstgespräch
wieder zurückzufinden. Zurückzufinden zum Gespräch mit
Gott. Wie dichtet Paul Gerhardt in einem Lied: "Mit Sorgen und mit
Grämen und mit selbsteigner Pein, läßt Gott sich gar nichts
nehmen, es muß erbeten sein." (Gesangbuch der EmK 495,2)
8 Wird denn der Herr auf ewig verstoßen und keine Gnade mehr
erweisen? 9 Ist's denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die
Verheißung für immer ein Ende? 10 Hat Gott vergessen, gnädig
zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen? SELA. 11 Ich sprach:
Darunter leide ich, daß die rechte Hand des Höchsten sich so
ändern kann.
4. Der verborgene Gott
Wir kommen nun zur vielleicht schwersten Anfechtung im Gebet: Ich rede
mit Gott, und ich habe den Eindruck: Er hat sich völlig geändert.
Früher habe ich immer seine Gnade erfahren. Früher hat er mir
immer geholfen. Und jetzt? Will er nichts mehr von mir wissen? "Hat Gott
vergessen, gnädig zu sein?" Dann suche ich Trost in Gottes Wort -
und es kommt noch schlimmer: "Hat die Verheißung für immer ein
Ende?" Und ich habe das Gefühl, die Bibel ist wie ein verschlossenes
Buch vor mir. Sie sagt mir nichts. Was ich lese: Es dringt nicht zu mir
durch. Oder sogar: Gottes Wort zieht mich anscheinend noch weiter herunter.
Was ist nur geschehen? "Darunter leide ich, daß die rechte Hand des
Höchsten sich so ändern kann." Sollte ich am besten Abstand gewinnen?
Abstand von Gott? Nicht mehr Beten, nicht mehr in der Bibel lesen, keine
Predigt mehr hören?
Es gehört zu den Geheimnissen von Gottes Größe und
Majestät - daß er sich vor mir verbergen kann. Wir können
das nicht erklären. Wir haben manchmal sehr darunter zu leiden. Aber
eines können wir wissen: Er hat seine Gnade nur verborgen - aber er
ist immer noch der Gleiche, der mich liebt. Es ist mir, als ob er eine
Maske aufhätte. Wie ein Mensch, der eine Maske über sein Gesicht
zieht. Und jetzt ist er erschreckend anzusehen. Obwohl unter der Maske
- immer noch das gleiche Gesicht steckt. So kann es auch bei Gott sein
(Jesaja 54:8) "Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig
vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen,
spricht der HERR, dein Erlöser."
Warum spreche ich über einen so schwierigen Gedanken? Damit wir
nicht aufgeben, auch nicht in der größten Not. Damit wir nicht
aufgeben, mit Gott zu reden. Damit wir nicht aufgeben, Gottes Wort zu hören
und zu lesen. Unser Herr wird sich nicht für immer verbergen. Er wird
uns wieder klar machen, wie sehr er uns liebt. Und daß er uns nicht
im Stich gelassen hat.
12 Darum denke ich an die Taten des HERRN, ja, ich denke an deine
früheren Wunder 13 und sinne über alle deine Werke und denke
deinen Taten nach. 14 Gott, dein Weg ist heilig. Wo ist ein so mächtiger
Gott, wie du, Gott, bist? 15 Du bist der Gott, der Wunder tut, du hast
deine Macht bewiesen unter den Völkern. 16 Du hast dein Volk erlöst
mit Macht, die Kinder Jakobs und Josefs. SELA.
5. Es hat sich "gelohnt"
"Du bist der Gott, der Wunder tut." Das war ein langer Kampf. Ein Kampf
im Gebet. Bis dieser Satz über die Lippen kommt. "Du bist der Gott,
der Wunder tut." Das ist kein oberflächlicher Lobpreis. Das ist kein
"Ich tue so, als ob ich in jeder Not ein fröhlicher Christ bin". Sondern
das ist hart erarbeitete Frucht. Das hat vielleicht Wochen oder Monate
gebraucht, bis ich soweit war. Das ging durch viele Anfechtungen und dunkle
Stunden. Aber jetzt weiß ich: es hat sich "gelohnt", daß ich
nicht aufgegeben habe. Es hat sich gelohnt, daß ich im Gebet geblieben
bin. Auch wenn es nicht immer fröhliche, oder wohlformulierte Gebete
waren. Es hat sich gelohnt, daß ich meine Bibel nicht zugeschlagen
und in der Ecke liegen gelassen habe.
Auch weltliche Menschen wissen, daß es seine Zeit braucht, bis
man schwere Erfahrungen bewältigt hat. Wissenschaftler behaupten z.B.,
daß es nach dem Tod eines nahestehenden Menschen neun Monate braucht,
bis man alles verarbeitet hat. Bis man wieder seinen - veränderten
- Alltag leben kann. Sie nennen diesen inneren Kampf "Trauerarbeit". Ich
weiß nicht, ob man das so einfach untersuchen und in einen festen
Zeitraum einfassen kann. Aber eines stimmt: Im menschlichen Leben kostet
so Manches einen längeren Kampf, bis man damit "durch" ist. Das ist
durchaus ähnlich in unserem geistlichen Leben. In unserem Leben mit
Christus. Auch da geht es immer wieder durch schwere Stunden und harte
Kämpfe. Und ich weiß dabei nur eins: Er läßt mich
nicht los. Er ist immer noch gnädig - selbst dann, wenn er sich "verborgen"
hat.
Doch dann. Dann wird auf einmal alles anders. Dann ist es auf einmal
so, wie wenn mir ein Schleier von den Augen fällt. Und ich sehe alles
wieder klar und deutlich. Jetzt - endlich! - kann ich "Ja" zu Gottes Wegen
sagen: "Gott, dein Weg ist heilig." Habe ich vorher vielleicht "Befiehl
du deine Wege" gesungen und gebetet - aber meinem Herzen waren diese Worte
noch sehr fern. So kann ich jetzt ein echtes "Ja, Vater" sagen. - Habe
ich die ganze Zeit nur voller Bitterkeit an bessere Zeiten gedacht. Daran
gedacht, was ich verloren habe. So kann ich mich jetzt darüber freuen,
was Gott schon alles Gute in meinem Leben getan hat: "Darum denke ich an
die Taten des Herrn, ja ich denke an deine früheren Wunder." - War
ich mir nicht mehr sicher, ob Gott noch mein liebender Vater ist. Oder
ob er mich vielleicht verlassen hat. So weiß ich jetzt voller Freude:
Jesus hat mich schon längst befreit. Befreit von allem, was ich meinem
himmlischen Vater schuldig geblieben bin. Befreit von allem, was mich von
Gott trennt. Ja, am gekreuzigten Christus sehe ich, wie gnädig er
zu mir ist: "Du hast dein Volk erlöst mit Macht." Da, am Kreuz. Da
hat sich Gott nicht verborgen. Sondern da steht mir der Himmel offen.
Liebe Geschwister. Deshalb möchte ich mit zwei Wünschen schließen.
Der erste Wunsch: Wenn einer unter uns gerade in großer Not ist.
Dann wünsche ich ihm eines: gib nicht auf. Bleib´ im Gespräch
mit unserem Herrn. Es kommen andere Zeiten, und du wirst sehen: es war
nicht umsonst. "Von Gott will ich nicht lassen, denn er läßt
nicht von mir." - Der zweite Wunsch ist für uns Andere, denen es gerade
gut geht. Denen wünsche ich, daß sie diese guten Tage nicht
vergessen. Und wenn dann doch wieder einmal schwere Stunden kommen. Dann
nehmen wir uns diesen Psalm. Oder einen ähnlichen. Dann denken wir
daran. Wie schon Asaf nach langem Kampf im Gebet. Wie er wieder froh wurde
über seinen Herrn. "Ich rufe zu Gott und schreie um Hilfe, zu Gott
rufe ich" - "und er erhört mich." Amen.
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