Vom Reifen des Glaubens ("Der ungläubige Thomas") - Predigt
zum Osterfest 2005 über Johannes 20,24-29
24 Thomas aber, der Zwilling genannt
wird, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da
sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er
aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die
Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und
meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben. 26 Und nach
acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen versammelt, und
Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen
waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27
Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine
Hände und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und
sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete
und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm:
Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die
nicht sehen und doch glauben!
Liebe Geschwister,
Jesus hat viel Geduld mit einem unreifen Glauben - und will uns doch
viel mehr geben als das. Will uns einen Glauben geben, der
"wetterbeständig" ist. Beständig sogar in Zeiten, wenn wir in
großer Not sind. Einen Glauben, der nicht nur im Leben, sondern
auch im Sterben trägt.
1. Ich glaube nur, was ich sehe
"Der ungläubige Thomas" ist ja beinahe sprichwörtlich
geworden. Ob er um so vieles ungläubiger war als die anderen
Jünger, das sei dahingestellt. Denn - eigentlich kann man ihn nur
zu gut verstehen - oder nicht? Schon den anderen war es schwer
gefallen, den Auferstandenen nicht für einen Geist zu halten, oder
für eine Ausgeburt ihrer Phantasie. Jesus erscheint ihnen
mehrmals, und jedesmal verstehen sie es etwas mehr: Der Herr ist
tatsächlich auferstanden, so wie er es gesagt hatte. Thomas hatte
offensichtlich noch keine Erscheinung gesehen - Jesus war ihm nur
begegnet in den Worten seiner Mitjünger: Wir haben den Herrn
gesehen. Kein Wunder, dass er sagt: Ich muß ihn erst selbst
sehen, muß ihn anfassen, fühlen, dass es wirklich der
Gekreuzigte ist, den ihr gesehen habt. "Wenn ich nicht in seinen
Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die
Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann
ich´s nicht glauben."
So sind wir Menschen nun einmal. Wir müssen erst sehen, bevor wir
etwas für wirklich, für real halten. Das fängt schon bei
viel banaleren Dingen als dem Glauben an. Vor hundert Jahren, als der
elektrische Strom noch nicht lange erfunden war, da mag ihn mancher
für Zauberei gehalten haben - oder für Humbug. Etwas, das ich
nicht sehe - soll eine Lampe zum Leuchten bringen? Und sogar
gefährlich sein, wenn man falsch damit umgeht, an die Drähte
greift? Das glaube ich nicht! Sicher, heute haben wir uns daran
gewöhnt und lächeln darüber, wenn jemand
Elektrizität für ein Wunder hält. Aber hat sich deswegen
grundsätzlich etwas daran geändert: Ich glaube nur das, was
ich sehe?
2. Ostern für Anfänger und Fortgeschrittene
Das Erstaunliche hier ist nun: Jesus läßt Thomas nicht
einfach fallen. Sondern er hilft ihm. Acht Tage muß Thomas
warten, nachdem Jesus zu seinen Mitjüngern gekommen war. Dann
erscheint Jesus wieder, und wieder kommt sein Gruß: Friede sei
mit euch. Jetzt wendet er sich direkt an Thomas: "Reiche deinen Finger
her und sieh meine Hände und reiche deine Hand her und sei nicht
ungläubig, sondern gläubig!" Das ist das seelsorgerliche Ziel
Jesu: dass auch Thomas glaubt, so, wie die anderen Jünger auch.
Dazu darf Thomas sogar seine Nägelmale anfassen: Das hatten die
Anderen nicht getan. Jesus geht auf die Wünsche von Thomas ein.
Und Thomas glaubt und sagt zu Jesus: "Mein Herr und mein Gott!"
Ich denke, das läßt sich durchaus auf heute übertragen.
Ich bin überzeugt davon, dass Jesus sich uns manchmal ganz massiv
zeigt, geradezu sichtbar. Da ist einer in großer Not, vielleicht
einer schweren Krankheit. Hat Gott mich verlassen? Er betet. Und es
geschieht tatsächlich: Jesus hört das Gebet. Und er wird
wieder gesund - zum eigenen Erstaunen und zum Erstaunen der Ärzte.
Ein echtes Wunder, von Gott gewirkt! Ich bin überzeugt: In fast
jeder christlichen Gemeinde gibt es Menschen, die so etwas
Ähnliches schon einmal erlebt haben. Nur, dass die meisten aus
gutem Grund zurückhaltend sind, und so etwas nicht an die
große Glocke hängen - deshalb wissen es nur die engsten
Vertrauten. Wenn Jesus uns zum Glauben helfen möchte, dann geht er
bei manchen durchaus auf unsere tiefen, menschlich verständlichen
Bedürfnisse ein. So, wie Thomas seine Finger in die Nägelmale
legen durfte - etwas, was die anderen so nie erlebt hatten.
Wir wissen oft nur zu gut: Jesus tut so etwas nicht bei jedem. Wir
haben auch keinen Anspruch darauf, dass er uns von jeder Krankheit
heilt, und uns jede Not auf wunderbare Weise abnimmt. Ja - um die
Einschränkungen wissen wir allzuoft. Vergessen wir aber
darüber nicht das andere: Jesus kann sich auch ganz anders zeigen,
sichtbar, oder greifbar, so wie bei Thomas.
Deshalb erleben oft gerade "Glaubensanfänger", neu zu Jesus
Bekehrte, wunderbare Gebetserhörungen. Jesus weiss, dass er
ihnen noch nicht so viel zumuten kann wie "langgedienten" Christen -
die gelernt haben, notfalls gegen den Augenschein zu glauben. Deshalb
zeigt er sich gerade solchen Menschen "sichtbar", die noch jung sind im
Glauben. Was aber nicht heissen soll: wir, die wir schon lange "dabei
sind", könnten nicht genauso auf seine Macht vertrauen.
3. Vom Reifen des Glaubens
Jesus hat viel Geduld mit einem unreifen Glauben. Ja - denn dass der
Glaube von Thomas unreif ist, daran läßt Jesus keinen
Zweifel. "Weil du mich gesehen hast Thomas, darum glaubst du. Selig
sind die, die nicht sehen und doch glauben!" Eines dürfen wir
nicht vergessen: Johannes hat diese Begebenheit nicht aufgeschrieben,
damit wir uns an Thomas ein gutes Beispiel nehmen. Thomas ist nicht der
Normalfall - er ist die Ausnahme! Er zeigt, wie barmherzig Jesus mit
unseren unreifen religiösen Wünschen umgeht. Wünsche,
die gerade dann in mir aufsteigen können. Gerade dann, wenn ich
mich in großer Not befinde.
Denn so sehr wir wissen dürfen: Für Jesus ist nichts
unmöglich, er kann auch in der grössten Not ein Wunder tun.
So sehr wir auf seine Macht vertrauen dürfen. Eines möchte
Jesus auf keinen Fall: dass wir unseren Glauben an
Gebetserhörungen, Führungen, Gefühle, oder Wunder
binden. Die Grundlage unseres Glaubens kann nie unsere Erfahrung sein,
niemals unsere Erlebnisse - auch wenn es echte Erlebnisse mit Gott
sind.
Was aber soll dann die Grundlage sein? Es ist das Zeugnis der Apostel
vom auferstandenen Jesus. Das soll dem Glauben zugrunde liegen. Am
liebsten wäre es Jesus ja gewesen, wenn Thomas den anderen
Jüngern, den anderen Aposteln geglaubt hätte: "Wir haben den
Herrn gesehen." Den Auferstehungszeugen sollte er glauben - und in
keiner anderen Lage sind wir heute. Wir haben ja ebenfalls die Berichte
der Auferstehungszeugen - aufgezeichnet in der Bibel. Überall
lesen wir es dort: Jesus ist wirklich auferstanden, er lebt. Er ist
für uns da. Die verschiedensten Leute berichten es.
Und schon damals, als die ersten Auferstehungszeugen herausgegangen
sind aus Jerusalem, und es überall im römischen Reich bezeugt
haben: Schon damals gab es überall Menschen, die diesem Zeugnis
geglaubt haben. Obwohl sie Jesus nie gesehen haben. Manche haben die
Apostel selbst gehört - aber die meisten hatten auch nur das, was
andere an Apostelberichten aufgeschrieben hatten. Sie hatten das noch
junge, aber beinahe fertige Neue Testament: Einige Briefe von Paulus,
von Petrus. Predigten über das Leben Jesu, die die Apostel auf
ihren Missionsreisen gehalten haben. Und das Wunder geschah: So viele
haben dem Zeugnis der Apostel geglaubt, dass die christliche Kirche
entstanden ist. Und dass sie immer weiter gewachsen ist - trotz der
Christenverfolgungen unter Kaiser Nero und seinen Nachfolgern.
"Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!" Das ist das Ziel
von Jesus: Ein reifer, beständiger Glaube. Einer, der auf allein
auf das Zeugnis der Apostel gegründet ist. Allein auf das Wort
Gottes. Im Kirchlichen Unterricht zeichne ich den Kindern zur
Erklärung immer einen Eisenbahnzug an die Tafel. Der sieht
ungefähr so aus. Vorne, die Lok: das ist das
unerschütterliche, feste Wort Gottes, die Bibel. Dahinter kommt
der erste Wagen, der angehängt wird: das ist der Glaube, der vom
Wort "mitgezogen" wird. Und erst ganz, ganz, hinten - im Wagen mit dem
roten Schlußlicht. Dort befinden sich unsere Gefühle und
Erfahrungen. Nur so herum aufgebaut, fährt der "Glaubenszug" auch
- anders wird es nichts.
Deshalb, auch bei denen, die etwas Großartiges mit Jesus erlebt
haben. Bei denen Jesus ganz seelsorgerlich auf ihre Bedürfnisse
eingegangen ist. Denen er in großer Not geholfen hat,
spürbar geholfen. Auch die sollen ihren Glauben allein auf das
Wort Gottes stützen. Denn solche erstaunlichen Erfahrungen - sie
sind ein großes Geschenk, und nicht jedem wird es zuteil. Die
meisten müssen ganz ohne Erlebnisse zum Glauben finden und im
Glauben bleiben.
4. Reifer Glaube - echter Trost
Ein Letztes möchte ich noch anschließen. Ich meine die
Frage, wie Jesus und unser Glaube uns trösten kann. In Zeiten der
Not, besonders der Todesnot. Sei es, weil ich um einen verstorbenen
Menschen trauere. Sei es, weil ich todkrank bin. Oder was auch immer.
Eines ist doch klar: wenn ich mich in solch einer Not befinde, dann
können meine Gefühle durchaus "verrückt spielen". Und es
ist gut verständlich, wenn dann einer sagt: Mir ist so, als ob
Gott unendlich weit weg ist. Ich fühle nichts von ihm. Ob er mich
noch hört? Ob ich ihm egal bin?
Wohl dem, der schon vorher gelernt hat, seinen Glauben nur auf das Wort
Gottes zu bauen - und nicht auf seine Erfahrung! Manchmal
befürchte ich, es gibt deshalb so wenig echten Glaubenstrost unter
uns. Der auch in großer Not trägt. Deshalb so wenig Trost,
weil wir uns noch viel zu wenig auf das Wort verlassen. Und viel zu
viel auf unsere Erfahrung und unsere Gefühle. Wie sollte mich
meine Erfahrung trösten können, wenn in mir drinnen und um
mich herum alles Kopf steht?
Laßt mich mit einer Geschichte schließen. Da war ein
Mensch, der merkte, dass er unter einer Krankheit litt. Als er es nicht
mehr aushielt, ging er zum Arzt. Der untersuchte ihn von oben bis
unten. Er wiegte seinen Kopf bedächtig nach links, und
bedächtig nach rechts. Und dann sagte er dem Patienten: "Ich
weiß, was sie haben. Eine komplizierte Geschichte." Der Arzt
murmelte einen langen lateinischen Namen, den der Patient nicht
verstand. Dann ging er an seinen Arzneischrank und holte eine
große Packung heraus. "Nehmen Sie das, zweimal täglich. Und
Sie müssen es über drei Monate hinweg nehmen. Nur dann hilft
es wirklich."
Der Patient fragte den Arzt: "Meinen Sie, ich werde mich nach der
ersten Tablette schon besser fühlen?" "Drei Monate", sagte der
Arzt, "vorher spüren Sie überhaupt nichts - aber dann hilft
es gewiß." "Dann will ich es nicht", meinte der Patient. "Eine
Medizin, wo ich nicht gleich fühle, dass es hilft - die nehme ich
nicht." Und er nahm seinen Hut und ging wieder nach Hause. Der Arzt
schaute ihm fassungslos nach. Er murmelte noch einmal den lateinischen
Namen der Krankheit. Dann stellte er die Medizinschachtel zurück
in den Schrank und sagte so laut, dass es sogar seine Schwestern
hören konnte: "So einen ungläubigen Thomas hatte ich mein
Lebtag noch nicht in meiner Praxis. Erst fühlen - dann einnehmen!"
"Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!" Und die beste
"Medizin", um Zweifel zu besiegen. Um Glauben zu wecken. Um echten
Trost zu spenden. Die beste "Medizin" ist nun einmal das Wort Gottes.
Das Zeugnis der Apostel: "Wir haben den Herrn gesehen." Wenn ich mich
daran halte, dann wächst ein reifer, beständiger Glauben. Ein
Glauben, der nicht auf besondere "Thomas-Erlebnisse" aufbaut.
Laßt uns nicht solange warten, bis wir etwas von Jesus
fühlen. Oder etwas mit ihm erleben. So menschlich dieses
Bedürfnis ist, so sehr verständlich für uns: Laßt
uns seine Geduld nicht auf die Probe stellen. Denn solche Erlebnisse -
die gibt Jesus nur als besonderes Geschenk. Er gibt sie - aber zwingen
lässt er sich dazu nicht. Sein Wort dagegen, das gibt er uns
jederzeit. Soviel wir wollen. Und dazu sein Versprechen, dass diese
"Medizin" auch hilft: "Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben!"
Wenn man der Kirchengeschichte glauben darf, dann hat diese "Medizin"
auch dem ungläubigen Thomas geholfen. Denn von ihm heißt es,
dass er später der Apostel von Syrien geworden ist. Sein Glaube
ist so beständig geworden, dass er sich nicht nur selbst "gerade
so" an Jesus klammern konnte. Jesus hatte ihm viel mehr gegeben, als
seinen unreifen Glauben vom Anfang. Und so konnte er sogar anderen den
Weg zum Glauben weisen. "Selig sind, die nicht sehen und doch
glauben!"
Amen.
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