Jeder, der noch ans letzte Mal denkt. Wo ich gesagt habe. Wenn man etwas
einprägsam erklären will - dann nennt man meistens die wichtigste
Sache zuerst. Der mag sich vielleicht wundern. Warum Jesus diese Bitte an
den Anfang stellt. An den Anfang des zweiten Teils des Vaterunsers. Natürlich
ist unser tägliches Brot - im umfassenden Sinne. Natürlich ist
das lebensnotwendig. Auch in unserer Zeit sterben immer noch Millionen von
Menschen, weil sie nicht einmal das ausreichend haben: das tägliche
Brot. Aber hat nicht Jesus selbst gesagt: Der Mensch lebt nicht vom Brot
allein (Lukas 4,4)? Ist es nicht viel wichtiger, zunächst mit Gott ins
Reine zu kommen, zu beten: vergibt mir meine Schuld? Geistlich betrachtet
ist das sicher richtig. Trotzdem - jedermann weiß: mit einem Kopf voller
Sorgen. Oder gar: mit einem knurrenden Magen. Da läßt sich schlecht
an geistliche Dinge denken. Wir haben uns im Alltag über so manches
"einen Kopf zu machen", das zunächst sehr weltlich, gar nicht geistlich,
aber dafür wichtig zum Leben ist.
Schon während seiner Zeit auf der Erde. Hat Jesus diese Zusammenhänge
berücksichtigt. Denken wir etwa an die Speisung der Fünftausend
(Johannes 6). Zuerst hat Jesus ihnen das tägliche Brot gegeben, soviel,
daß noch zwölf Körbe voll übrigblieben. Und dann, als
die dringendsten Bedürfnisse gedeckt waren. Da sagt Jesus ihnen: Und
jetzt. Jetzt lernt daraus, daß Gott euch nicht nur euer tägliches
Brot gibt. Sondern er gibt euch noch mehr. Er gibt euch seinen Sohn - nicht
nur zum täglichen Leben. Sondern zum ewigen Leben. "Ich bin das Brot
des Lebens", wie Jesus das dort ausdrückt (Johannes 6,35). Vielleicht
setzt Jesus diese Bitte deshalb an den Anfang. Weil er möchte. Daß
wir zunächst einmal solche Erfahrungen im Gebet machen, Erfahrungen
bei ganz profanen, zeitlichen Dingen. Erfahrungen, wie unser Vater im Himmel
sich um uns kümmert. Wie er sich nicht zu schade ist, daß er sich
um unseren "Alltagskram" sorgt.
Ich möchte aber noch etwas genauer hinschauen. Damit wir diese Bitte
recht verstehen. Und damit wir tatsächlich Erfahrungen damit machen.
Richtige Gebetserhörungen, keine Gebetstheorie. Um was sollen
wir beten? Jesus nennt das Brot - und er meint damit nicht nur das Produkt,
das wir beim Bäcker kaufen. Denn das Brot - es war damals wie heute ein
Grundnahrungsmittel. Es steht für alles, was wir zum täglichen Leben
brauchen. Also nicht nur Essen, sondern auch Trinken, Kleidung usw. Wir sehen
also zuerst: Wir sollen um alles beten, was wir täglich brauchen.
Es gibt nichts Überflüssiges, um das man bitten könnte. Also
nicht: die scheinbar selbstverständlichen Sachen kommen von selbst -
die Nahrung aus dem Einkaufsmarkt, der Strom aus der Steckdose. Und für
die schwierigen Dinge ist dann Gott zuständig. Sondern Jesus meint tatsächlich:
um alles. Ganz schön ungewöhnlich - in einer Zeit, wo man bei allem
nach der "Machbarkeit" durch Menschen fragt. Ganz schön ungewöhnlich
- auch in kleinen Dingen von Gott abhängig zu sein. Um alles zu bitten.
Und das andere: wir sollen um das tägliche Brot bitten. D.h.:
für heute - nicht für morgen, nicht für die nächste Woche.
Natürlich ist es nicht verboten, für etwas zu beten, was ich erst
in einiger Zeit plane. Aber es geht zunächst um die Bedürfnisse
für heute. Vielleicht ist es so ähnlich wie damals, beim Volk Israel
während der Wüstenwanderung (2. Mose 16). Gott schenkte seinem
Volk jeden Tag neu das Manna, das tägliche Brot. Er schenkte ihnen keinen
großen "Manna-Gefrierschrank", mit Vorräten für die nächsten
Monate. Sondern er schenkte jeden Tag das nötige. Diese Leute damals
- sie hätten sicher gut verstanden, was Jesus mit dem täglichen
Brot meint.
Ob wir uns einmal darauf einlassen könnten? Auf ein solches "Experiment"?
Daß wir auch um scheinbar unwichtigen "Kleinkram" bitten? Daß
wir zuallererst für unsere heutigen Bedürfnisse bitten, nicht für
übermorgen oder nächstes Jahr? Vielleicht - werden wir überrascht
sein. Wieviele Gebetserhörungen wir auf einmal erleben. Und wie groß
uns Gottes Liebe und Fürsorge vor Augen steht. Die Fürsorge unseres
lieben Vaters im Himmel. Die sich nicht zu schade ist für die ''Kleinigkeiten
des Alltags''.
Es gehört zu den tiefsten Problemen des Menschen. Seinen Problemen
mit Gott. Daß der Mensch immer wieder darüber nachdenkt, was Gott
ihm denn schuldet: Gott schuldet mir ein erfülltes Leben. Gott schuldet
mir Freude im Glauben. Gott schuldet mir die Befreiung von Sorge und Krankheit.
Gott schuldet seiner Welt die Befreiung von Krieg und Katastrophen. O weh
- was schuldet Gott nicht alles den Menschen... Und je größer man
den Schuldenberg Gottes auftürmt - desto mehr wundert man sich, wie
fern und unwirklich Gott scheinbar ist. Desto mehr kommt die Frage auf: gibt
es ihn überhaupt? Und wenn es ihn gibt - muß ich mich für
ihn interessieren?
In der Tat wird in dieser Bitte: Vergib mir meine Schuld. Und gemeint ist:
Vergib mir meine Schulden. In der Tat werden dadurch die Verhältnisse
auf den Kopf gestellt. Und auf einmal ist Gott der Gläubiger. Bei dem
wir, die Menschen. Bei dem wir "tief in der Kreide stehen". Und wenn jemand
einen Schuldenberg hat - dann ist es sicher nicht Gott - sondern ich selbst.
Wem dabei das bekannte Gleichnis vom "Schalksknecht" einfällt (Matthäus
18,21ff). Wo Gott mit einem König verglichen wird. Dem seine Knechte
astronomisch hohe Summen schulden. Die sie im Leben nicht zurückzahlen
können. Wem dieses Gleichnis einfällt, der liegt genau richtig.
Denn - und im Originaltext wird es noch deutlicher. Denn im Vaterunser
gebraucht Jesus genau dieses Bild. Von uns, den Schuldnern. Und Gott, dem
Gläubiger. Der uns unsere Schulden erläßt, aus reiner Gnade.
Nicht, weil wir so gute Menschen sind. Sondern weil Jesus unsere Schulden
bezahlt hat - als er am Kreuz sein Leben für uns gab. "Denn auch der
Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern
daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeldfür viele."
(Markus 10,45). Wie Jesus das einmal seinen Jüngern erklärt hat.
Und vielleicht hilft uns das, diese manchmal schon "abgenutzte" Bitte wieder
besser zu verstehen. Wenn wir uns sagen: ein Mensch, der das aufrichtig bittet:
Herr, vergib mir meine Schuld. Der stellt tatsächlich das Verhältnis
zwischen Gott und Mensch wieder vom Kopf auf die Füße. Der sagt:
Nein, ich mache das nicht mehr mit. Ich stelle mich nicht auf die Seite derer,
die Gottes "Schuldenberg" weiter auftürmen. Die ihm Vorwürfe machen,
was er alles versäumt hat. Nein, ich will die wahren Verhältnisse
anerkennen. Ich will kommen. Nicht als Fordernder. Sondern als bittendes
Kind. Das zu seinem Vater im Himmel sagt: Lieber Vater, schau nicht auf meinen
Schuldenberg. Auf das was ich an dir und an meinem Nächsten versäumt
habe. Lieber Vater, schau statt dessen auf Jesus. Der meine Schulden bezahlt
hat, alle Schulden, schon lange.
Wer so kommt, für den bleibt Gott nicht fern. Und in der Abhängigkeit
von ihm. Und voller Vertrauen auf seine Gnade. Da erfahre ich endlich, was
es heißt. Daß ich einen guten Vater im Himmel habe. Es ist wahr
- das ist eine Einladung zum Glauben, für die, die sich mit ihren Forderungen
an Gott. Die sich bisher den Weg zu ihm verbaut haben. Es ist aber auch wahr:
Jesus lehrt dieses Gebet seine Jünger, also uns Gläubige. Je mehr
und je aufrichtiger wir, wir Gläubige dieses Gebet beten können:
Vater, erlasse uns unsere Schulden. Desto näher wird uns Gott sein.
Und desto beglückender wird diese Erfahrung sein. Die Erfahrung, daß
ich ein geliebtes Kind meines Vaters im Himmel bin. "Vergib uns unsere Schuld-en".
Jeder, der eine zeitlang schon Christ ist. Der weiß von den inneren
Kämpfen, die man manchmal durchzustehen hat. Ein gläubiger Mensch
- der noch mit einem gewissen Sinn für Humor ausgestattet war -der meinte
einmal sinngemäß: "Manchmal denke ich, ich habe einen ganzen Zoo
in meinem Herzen. Da wohnt ein Hund, der meine Frau anknurrt. Ein Löwe,
der die Kollegen anbrüllt. Eine Schlange, die sich allerlei Falschheiten
ausdenkt. Ein Affe, der sich über andere lustig macht. Ein Faultier,
das lieber herumliegen als arbeiten möchte. Ein eitler Pfau, der sich
gern vor allen aufplustert. Und noch so manches andere Tier. Es ist ein ganz
schöner Kampf, daß diese Tiere nicht außer Kontrolle geraten."
Der Apostel Paulus beschreibt diesen Vorgang etwas "theologischer", aber
dem Sinn nach genauso: "Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist
und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, so daß ihr
nicht tut, was ihr wollt." (Galater 5,17) Womit wir direkt bei der Pfingstzeit
wären. Ja, es ist schon wahr: In einem gläubigen Menschen. In einem
Menschen, dem Jesus die Schuldenlast abgenommen hat. Dieser Mensch hat in
seinem Inneren einen "neuen Bewohner" bekommen: Gott selbst, der als Heiliger
Geist dort wohnt. Wir haben in der letzten Predigt darauf hingewiesen, daß
dieser Geist Gottes eine wunderbare Wirkung hat: Er lehrt uns, zu Gott voller
Vertrauen zu kommen. Voller Vertrauen darauf, daß er unser lieber himmlischer
Vater ist. Er lehrt uns, diese Worte aus vollem Herzen zu beten: Unser Vater
im Himmel.
Und dennoch: Ebenso wohnt ihn jedem Christen immer noch dieser "Zoo", das
"Fleisch", wie Paulus es bezeichnet. Der "innere Schweinehund" und all die
anderen Tiere. Aus genau diesem Grund legt uns Jesus dieses Gebet ans Herz:
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Oder, wie er an anderer Stelle seinen Jüngern sagt: "Wachet und betet,
daß ihr nicht in Anfechtung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch
ist schwach." (Matthäus 26,41)
Nun gab und gibt es immer wieder Christen, die sich mit diesem mühsamen,
oft so notvollen Kampf nicht abfinden wollten. Bis sie eines Tages in eine
Versammlung kamen, da versprach man ihnen: Diesen "Zoo" in dir, das "Fleisch",
wie Paulus es nennt. Der gehört bei dir gar nicht hinein. Die werfen
wir hinaus, alle diese Tiere miteinander. Gläubig bist du schon. Aber
jetzt brauchst du noch etwas, was dir bislang gefehlt hat. Und dann hört
man Begriffe wie: "voller Segen", "Erfüllung mit dem Heiligen Geist",
"Taufe im Heiligen Geist", oder wie man es sonst nennt. Wenn man das endlich
hat, dann stehen anschließend die Tiere "draußen vor der Tür".
Sie können einen noch anbellen und anknurren, aber das Herz ist endlich
sauber - so versprechen sie.
Vorsicht, Geschwister, wenn man uns so etwas anpreist! Als wir kürzlich
mit unseren Kindern im Tierpark waren. Und wir an den Käfigen und Gehegen
vorbeigingen. Da fiel an einigen Stellen auf: Es war zwar das Schild mit der
Bezeichnung zu sehen. Das Stroh und die Futterschüsseln. Aber
kein Tier weit und breit! War der Käfig leer? Nein - das Tier hatte
sich nur versteckt, deshalb hätte man denken können: Es ist gar
nicht da. Wie wir vielleicht wissen, ist das besonders bei manchen Raubtieren
so: Sie sind "nachtaktiv". Tagsüber verstecken sie sich und schlafen.
Und nachts, heimlich, kommen sie heraus zu ihren Raubzügen.
Genauso ist es mit den Sünden, die im Überschwang und den Hochgefühlen
einer besonderen Erfahrung. Die anschließend scheinbar verschwunden
sind. Da möchte man besorgt rufen: "Vorsicht, sie haben sich nur versteckt!"
Oder mit dem Apostel Paulus sagen: "Darum, wer meint, er stehe, mag zusehen,
daß er nicht falle." (1. Korinther 10,12) Und so manches Mal - da haben
sie sich gar nicht alle versteckt. Sondern da schaut der eitle Pfau heraus
und brüstet sich: "Guckt mal, wie heilig ich bin."
Nein, wir Christen, wir haben dieses Gebet wirklich alle bitter nötig,
jeden Tag: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von
dem Bösen. Da kommen wir zu unserem himmlischen Vater. Mit all unserer
Schwachheit. Mit diesem wilden "Zoo" in uns. Und bitten ihn: Lieber Vater,
wirke doch durch deinen Heiligen Geist in mir. Damit die Anfechtung mich
nicht überwältigt. Damit der "Zoo" in mir nicht außer Kontrolle
gerät. Damit ich das Vertrauen zu dir, mein lieber Vater, nicht verliere.
Und wir dürfen wissen: Dieses Gebet wird unser Vater bestimmt erhören.
Schließlich hat Jesus es uns doch selbst gelehrt.
Lassen wir uns vom Vaterunser Mut machen. Mut zur Abhängigkeit von Gott.
Mut, auch um den "kleinen Alltagskram" zu beten, den täglichen. Mut
um Beistand in diesem mühsamen Kampf gegen unseren "inneren Schweinehund".
Aber bitten wir vor allem immer wieder um das Wichtigste: Lieber himmlischer
Vater - vergib uns unsere Schuld. Amen.